Sonntag 19. November 2017
Juli-August Ausgabe #206

Die Konferenz der Vereinten Nationen zum Schutz der Weltmeere: Die Menschheit unternimmt einen wichtigen Schritt

Wer auf das Meer blickt, sieht die Wellen und das Spiel des Lichts und der Farben, ist ergriffen von der Unermesslichkeit des Ozeans: 70,8% der Oberfläche unseres Planeten ist von Wasser bedeckt. Unter dieser Oberfläche existiert ein riesiger Raum mit einer durchschnittlichen Tiefe von 3,7 Kilometern. Der Lebensraum im Meer ist 300 Mal so groß wie der auf dem Land. Eine immense Größe.

Das Wissen um die Weltmeere ist bis heute sehr lückenhaft. Wir wissen mehr über die Oberfläche des Mondes als über die Tiefen der Ozeane. Schätzungen zufolge sind 91% des Lebens im Wasser noch nicht erforscht. Ein immenses Unwissen.

 

Lange hat man geglaubt oder glauben wollen, dass das menschliche Handeln in der Unendlichkeit der Meere ohne Auswirkung bleiben würden. Ein immenser Irrglaube.

Das kollektive Erwachen erfolgt nur langsam. Je häufiger sich Katastrophen ereignen, desto mehr werden sich die Menschen der Folgen ihrer Gedankenlosigkeit bewusst. Erst nachdem der Walbestand im Nordatlantik praktisch vernichtet war, trat 1948 das Internationale Übereinkommen zur Regelung des Walfangs in Kraft. Die Geschichte wiederholt sich mit Ölpesten und zahlreichen Formen des Raubbaus. Mit großer Verspätung lernt die Menschheit allmählich, verantwortlich mit den Weltmeeren umzugehen – ein langwieriger und mühsamer Weg, den die Weltgemeinschaft nur zögerlich beschreitet. Papst Franziskus stellt in seiner Enzyklika Laudato Si’ die Frage: „Wer hat die wunderbare Meereswelt in leb- und farblose Unterwasser-Friedhöfe verwandelt? (LS 41). Höchste Zeit, etwas zu ändern.

 

Erkenntnistheoretisch erleben wir seit 1950 die Entstehung und den Aufbau der Ozeanologie in ihrer ganzen multidisziplinären Komplexität. Wirtschaftlich hat sich gezeigt, dass der – meisterhaft vom französischen Reporter Yann Arthus Bay (Planet Ocean – 2012) gefilmte – Raubbau an den Meeren keine Zukunft mehr hat. Gegenstimmen werden laut. Bis 2020 könnten 10% der Meeresgewässer zu Schutzgebieten ausgerufen werden (1993 waren es lediglich 0,3%), wobei sich die überwiegende Mehrheit in Gebieten befindet, die nationalen Gerichtsbarkeiten unterliegen. Auf Regulierungsebene haben die Vereinten Nationen 30 Jahre gebraucht, um das Seerechtsübereinkommen (Montego Bay – 1982) auszuhandeln.

 

Diplomaten sind darum bemüht, das Übereinkommen dort, wo am dringlichsten erforderlich – bei der Hochseefischerei – nachzubessern. Auf Ebene des „Zusammenlebens“ kristallisieren sich mit Blick auf den Zugang und die Aufteilung der Meeresressourcen starke Spannungen zwischen den individuellen Interessen heraus. Mit diesen Spannungen gerecht und unter Achtung des Gemeinwohls umzugehen, ist eine immense Herausforderung.

 

Auf ontologischer Ebene wird der Ruf nach einem anderen Verhältnis zu unseren Weltmeeren immer lauter. Wir sind gleichzeitig Teil und Verwalter der Schöpfung. Das Meer ist Quelle des Lebens auf der Erde. Unsere Verantwortung gegenüber dem Meer erschließt sich aus unserem Menschsein.

 

Aktion

Vom 5. bis 9. Juni 2017 fand in New York die erste Konferenz der Vereinten Nationen zum Schutz der Meere statt. Dieser Gipfel gilt einhellig als entscheidender Wendepunkt zur Mobilisierung der Völkergemeinschaft. Auf der Konferenz wurden 1326 Selbstverpflichtungen abgegeben: 603 von den Regierungen, 375 von Akteuren der Zivilgesellschaft, 166 von Akteuren aus dem System der Vereinten Nationen, 73 vom Privatsektor, 63 von Wissenschaftlern und 46 von Partnerschaften. Die nächste Konferenz dieser Art soll 2020 in Portugal oder in Kenia stattfinden.

 

Verzetteln wir uns nicht mit so vielen Maßnahmen? Ja und nein. Die Meeresbiotope sind einem zunehmenden Stress ausgesetzt: Übersäuerung des Wassers, Klimaerwärmung, Sauerstoffmangel, Verschmutzung durch Chemikalien und Kunststoffe, Verbreitung gebietsfremder Bakterien durch das Ablassen von Ballastwasser der großen Schiffe, Überfischung, Zerstörung spezieller Umweltmilieus etc. Einige der Schädigungen mögen irreversibel sein, doch haben die Wissenschaftler auch festgestellt, dass die Resilienz einiger Ökosysteme steigt, wenn Stressfaktoren abnehmen.

 

So hat ein Korallenriff bessere Chancen, sich an den Klimawandel anzupassen, wenn andere Stressquellen auf ein Minimum reduziert werden, wenn es also unter möglichst strengen Schutz gestellt wird. Es muss an allen Fronten gekämpft werden, um insbesondere die für die biologische Vielfalt relevanten Meeresgebiete optimal zu schützen. Allerdings erfordert diese Vielzahl an Maßnahmen auch ein hohes Maß an Koordination, Dialog und Gerechtigkeit.

 

Nach dem Gipfel besteht nun die Aufgabe darin, ein internationales Abkommen zum Schutz der Hochseeressourcen zu erarbeiten. Das Übereinkommen von Montego Bay aus dem Jahr 1982 ist längst überholt und die Hochseegebiete, die außerhalb der nationalen Gerichtsbarkeiten liegen, sind faktisch rechtsfreie Zonen. Es bleibt zu hoffen, dass der Dialog der 8000 in New York versammelten Akteure konstanten Druck auf den laufenden diplomatischen Prozess ausübt.

Frédéric Rottier

Institut für soziale Studien „Centre Avec”

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

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