Montag 10. Dezember 2018
#219 - Oktober 2018

Die humanitären Folgen des Krieges  

Der Erste Weltkrieg wird bis heute als rein militärische Konfrontation wahrgenommen. Doch auch die Zivilbevölkerung hat stark unter dem Ersten Weltkrieg gelitten, was zu einer völlig neuen Form der humanitären Hilfe geführt hat.

STC335786 Red Cross men in the trenches attending to a wounded man, 1916 (sepia photo) by English Photographer, (20th century); Private Collection; (add.info.: During the Somme Offensive, July-November 1916;); The Stapleton Collection; English,  it i

Der Erste Weltkrieg wird gemeinhin als Ereignis angesehen, von dem nur Soldaten betroffen waren. Mit schätzungsweise neun bis elf Millionen gefallenen Soldaten wird er oft als der letzte Krieg bezeichnet, in dem mehr militärische als zivile Opfer zu beklagen waren. Auf neun gefallene Soldaten kam ein getöteter Zivilist - ein Verhältnis, das bis zum heutigen Tag als Größenordnung herangezogen wird, um die Brutalität dieses vier Jahre andauernden Konflikts zu beschreiben.

 

Zwischenzeitlich gibt es genauere Analysen der tatsächlichen Auswirkungen des Ersten Weltkrieges auf die Zivilbevölkerung, welche die o. g. Behauptungen widerlegen. Demnach hat die Zivilbevölkerung während der Kriegsjahre ebenso sehr gelitten wie die Soldaten, nach dem offiziellen Kriegsende vom 11. November 1918 sogar noch stärker. Man kann sagen, dass sich die militärischen und zivilen Verluste die Waage gehalten haben.

 

Zivilisten als Zielscheibe

 

Die Zivilbevölkerung war in unterschiedlicher Weise vom Krieg betroffen, direkt oder indirekt. Sie wurde zum Ziel militärischer Angriffe, wie beispielsweise die österreichisch-ungarischen Staatsbürger, die bei den Kämpfen an der Ostfront ums Leben kamen, oder die Nordfranzosen, die unter den deutschen Bombenangriffen zu leiden hatten. Zivilisten wurden auch Opfer von Vergeltungsmaßnahmen, wie etwa die Serben unter österreichischer Verwaltung, oder von Massenvertreibungen, die von ihren Feinden, aber auch von ihren eigenen Regierungen organisiert wurden und die sie oftmals mit dem Leben bezahlen mussten, so in Russland oder im Osmanischen Reich. In Letzterem kam es ferner zu Massakern an der Zivilbevölkerung.

 

Neuen Erkenntnissen zufolge ist auch die lokale Zivilbevölkerung der europäischen Kolonialreiche nicht vom Krieg und seinen tragischen Folgen verschont geblieben. Selbst nach dem Waffenstillstand vom November 1918 brachen in Ungarn, Polen, Russland, Finnland und im Nahen Osten neue, unmittelbar mit dem Ersten Weltkrieg zusammenhängende bewaffnete Konflikte aus, in denen weiter Zivilisten eines gewaltsamen Todes starben.

 

Auch indirekt litt die Zivilbevölkerung an den Folgen der militärischen Besatzung, wie in Rumänien oder Nordfrankreich, wo Zivilisten als Geiseln genommen, in Lagern interniert oder deportiert wurden. Vor allem die Bevölkerungen der Mittelmächte litten infolge der katastrophalen Auswirkungen der von der Entente verhängten Wirtschaftsblockade unter zunehmend schlechten Lebensbedingungen. Im Alltag führten Unterernährung, verbunden mit mangelnder Hygiene und der Ausbreitung ansteckender Krankheiten (wie Typhus) zu einer wachsenden Zahl an Todesfällen unter der Zivilbevölkerung, insbesondere in den Städten. Die große Hungersnot in Russland in den Jahren 1921 und 1922, eine unmittelbare Folge des Ersten Weltkrieges und des Zusammenbruchs des Russischen Reiches, kostete mehreren Millionen Menschen das Leben.

 

Ein Novum: die humanitäre Hilfe

 

Angesichts solcher Katastrophen konnten humanitäre Organisationen wie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) oder die nationalen Rotkreuz-Gesellschaften nicht tatenlos bleiben. Während des Krieges gab es bei der Internationalen Zentralstelle für Kriegsgefangene des IKRK, die sich im Wesentlichen um die Belange der Kriegsgefangenen kümmerte, auch eine spezielle Abteilung, die bei der Suche insbesondere nach Zivilisten (Internierte, Deportierte, Geiseln und Menschen, die in besetzten Gebieten lebten) half. Dies war etwas vollkommen Neues, da sich das IKRK bis zu diesem Zeitpunkt nicht um die Zivilbevölkerung gekümmert hatte.

 

Darüber hinaus beteiligten sich die Missionen und Delegationen des IKRK, die ursprünglich in mehreren europäischen Staaten eingerichtet worden waren, an der Rückkehr von Kriegsgefangene in ihre Heimatländer, allein oder in Zusammenarbeit mit anderen internationalen Organisationen an der Verteilung von Nahrungsmitteln und medizinischen Hilfsgütern an hungernde Menschen, insbesondere in den Ländern, die den Krieg verloren hatten (Österreich, Deutschland, Ungarn usw.); während der russischen Hungersnot erlebte das IKRK gemeinsam mit dem Amerikanischen Hilfswerk seinen dramatischsten Einsatz.

 

Im Rahmen dieser Hilfsaktionen wurde besonderes Augenmerk auf Kinder gelegt. Gemeinsam mit dem „Save the Children Fund“ gründete das IKRK Anfang der 1920er-Jahre die International Save the Children Union (ISCU). Das IKRK unterstützte auch russische und armenische Flüchtlinge, insbesondere durch seine Delegationen in Konstantinopel und Athen. Dazu gehörte neben der Versorgungshilfe auch die Unterstützung von Flüchtlingen, die auswandern und sich in Drittländern niederlassen wollten.

 

Für das IKRK waren dies alles neue humanitäre Herausforderungen. Diese neuen Aufgaben haben aus dem IKRK das gemacht, was es heute ist: eine Institution, die sich auch in den bewaffneten Konflikten des 21. Jahrhunderts vor Ort aktiv für die Opfer von Krieg und Gewalt einsetzt.

 

Daniel Palmieri

Forschungsbeauftragter für Geschichte

Abteilung für Bibliotheken und öffentliche Archive

Internationales Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), Genf

 

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

 

Die in europeinfos veröffentlichten Artikel geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht unbedingt die Meinung der COMECE und des Jesuit European Social Centre dar.

Teilen |
europeinfos

Monatliche Newsletter, 11 Ausgaben im Jahr
erscheint in Deutsch, Englisch und Französisch
COMECE, 19 square de Meeûs, B-1050 Brüssel
Tel: +32/2/235 05 10, Fax: +32/2/230 33 34
e-mail: europeinfos@comece.eu

Herausgeber: Fr Olivier Poquillon OP
Chefredakteure: Johanna Touzel und Martin Maier SJ

Hinweis: Die in europeinfos veröffentlichten Artikel geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht unbedingt die Meinung der COMECE und des Jesuit European Office dar.
Darstellung:
http://europe-infos.eu/