Donnerstag 20. September 2018
#216 - Juni 2018

Die Christen in der europäischen Debatte

Die in der Initiative Christen für Europa (IXE) zusammengeschlossenen europäischen christlichen Verbände setzen sich für eine neue Vision für Europa ein. Einschätzungen von Philippe Segretain, dem Leiter der Tagung 2017 der „Semaines Sociales de France“.

Zu Beginn seiner Ausführungen während der Tagung 2017 der „Semaines Sociales de France“ (Französische Sozialwochen) beschrieb der Philosoph Jean-Marc Ferry die drei Krisen, die Europa untergraben und seine Existenz in Frage stellen: „Eine technische Krise der Wirtschaftsregulierung, die mit einer ethischen Krise der politischen Solidarität und Mitverantwortung sowie mit einer historischen Krise der Legitimation des europäischen Aufbauwerks selbst einhergeht.“ Die öffentliche Debatte konzentriert sich in erster Linie auf die Regulierung sowie auf die mit ihr verbundenen Orte und Akteure, eine Methode, die notwendig ist, um die Wirtschaftsgemeinschaft zu managen, die aber nicht geeignet ist, die ethische Krise zu analysieren und eine Vision vorzuschlagen, die ein politisches Projekt legitimieren könnte.

 

Die mahnenden Worte von Papst Franziskus zur Verantwortung Europas richten sich aber nicht nur an die politischen Entscheidungsträger. Die Vielfalt der Zielgruppen, die er anspricht und mobilisiert, spiegelt ein wesentliches Element des kirchlichen Denkens über Europa wider: Die Christen müssen sich erneut mit der Gründungsethik der europäischen Einigung auseinandersetzen.

 

Die „Semaines Sociales de France“, die seit über einhundert Jahren den Dialog über die Soziallehre der Kirche pflegen, sind ein Instrument der Verbreitung, eine treibende Kraft. 2017 haben sie sich erneut das europäische Aufbauwerk auf die Fahnen geschrieben. Mehr als ein Jahr wurden regionale Debatten geführt, die ihren Abschluss in einer offenen Tagung über unser gemeinsames kulturelles Erbe, das Leben der jungen Menschen, die ökologische Herausforderung und einer Analyse der aktuellen politischen Spannungen fanden. Tagungsberichte und ein gemeinsames Manifest zeugen davon, wie groß der Diskussionsbedarf der Teilnehmer jenseits aller Skepsis und Ablehnung war. Das Manifest erinnert daran, dass das Verbandswesen Partnerschaften zwischen einander nahestehenden europäischen Verbänden fördern muss, um die horizontale Dimension des politischen Projekts zu bereichern. Sämtliche eingeladenen politischen Persönlichkeiten, von Enrico Letta, der französischen Ministerin für europäische Angelegenheiten Nathalie Loiseau bis hin zu Michel Barnier dem Beauftragten der EU-Kommission für die Brext-Verhandlungen, begrüßten, dass ein christlicher Verband erneut die europäische Frage zu seinem Kernthema gemacht hat.

 

Die Bemühungen waren notwendig, aber unzureichend, denn obwohl Redner aus mehreren Ländern das Wort ergriffen, wurde besagtes Kernthema der Tagung vornehmlich aus einem nationalen Blickwinkel beleuchtet. Ganz anders verhält es sich mit den Zielen und Herausforderungen der Treffen der Initiative Christen für Europa, bei denen rund ein Dutzend Laienverbände unterschiedlicher Größe, Satzung und Zielsetzung ebenso viele europäische Länder vertreten. Zum einen wird immer wieder woanders getagt: Europäische Themen in Riga oder in Krakau im Rahmen von Treffen zu besprechen, die es uns ermöglichen, das Umfeld unserer Gastgeber zu verstehen, ist eine bereichernde Erfahrung. Die sechs Gründerstaaten haben gemeinsam Geschichte geschrieben, eine Geschichte, die ihre vergangenen Konflikte mit einbezieht; heute müssen wir nationale Geschichten kennen und miteinander teilen, die sich nicht auf die jüngsten Ereignisse reduzieren lassen, welche uns den Weg zu einer Gemeinschaft der 28 geebnet haben. Die Intuition der IXE-Gründer ist gerechtfertigt: Trotz aller Heterogenität und individuellen Herausforderungen ermöglicht das gemeinsame christliche Engagement einen Dialog, der mit gegenseitigem Erstaunen beginnt und lapidare Urteile darüber vermeidet, was ein Partnerland tun oder lassen sollte.

 

Ist diese Voraussetzung erfüllt, stellt sich die Frage nach der Wirksamkeit dieses Dialogs. Er ist in erster Linie ein Instrument, das es jedem ermöglicht, in seinem Land über Entdeckungen und Analysen zu berichten, die sich oft von denen unterscheiden, die von den dominierenden Politikern oder Medien verbreitet werden. Sollte man einen Schritt weiter gehen und eine gemeinsame politische Position anstreben? Sollte die IXE, die sich seit ihrer Gründung mit der Wiederentdeckung des Sinns der europäischen Einigung beschäftigt, im Vorfeld der Europawahlen 2019 einen gemeinsamen Standpunkt der christlichen Partnerverbände anstreben, und wenn ja, wie? Die Frage liegt auf dem Tisch und trägt bereits eine Dynamik in sich, gemeinsam die Themen zu bestimmen, die wir während der EU-Wahlen in jedem Land in den Fokus rücken werden.

 

Am Ende der Tagung der „Semaines Sociales“ verständigte man sich auf den Begriff der Ko-Souveränität, um die zwischen den Nationen aufzubauenden Beziehungen zu beschreiben, die es der Politik ermöglichen, ihre Macht über die Wirtschaft zurückzugewinnen, ohne die Legitimität des Nationalstaats in Frage zu stellen, der unsere Demokratien strukturiert. Diese institutionelle Dynamik sollte jedoch mit einem beherzten Engagement für gemeinsame Werte einhergehen. Hier haben die europäischen christlichen Verbände einmal mehr eine wichtige Rolle zu spielen.

 

Philippe Segretain

Mitglied des Rates der „Semaines Sociales de France“

 

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

 

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