Montag 10. Dezember 2018
#219 - Oktober 2018

Die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf die Menschen in Osteuropa

Um die durch den Ersten Weltkrieg in Europa, insbesondere in Osteuropa geschlagenen Wunden schließen zu können, müssen für Antoine Arjakovsky die Erinnerungen zueinander finden.

In den Analysen der Ereignisse im Ersten Weltkrieg durch europäische Historiker zeigen sich in der Erinnerung an diesen Konflikt vier grundlegende Ansätze. Es gab – je nach Ort der Erinnerung in unterschiedlicher Geschwindigkeit – einen Übergang von einer diplomatischen Geschichtsbetrachtung hin zu einer sozialen, dann in den letzten dreißig Jahren von einer kulturellen hin zu einer transnationalen Geschichtsbetrachtung des Ersten Weltkriegs. So zeugen einige Arbeiten zeitgenössischer Historiker von diesem Bestreben, ihren historischen Blick zu weiten, z. B. Der große Krieg: Deutsche und Franzosen im Ersten Weltkrieg 1914-1918 von Jean-Jacques Becker und Gerd Krumeich oder das Werk Cambridge History of the First World War, herausgegeben von Jay Winter. Dieser jüngste Ansatz, der sich mit dem Wunsch verbindet, durch einen Blickwechsel eine Wahrheit über die nationalen Weltanschauungen hinweg zu finden, ist insofern besonders interessant, als er eine echte Chance bietet, die durch den Konflikt geschlagenen Wunden zu schließen. In den letzten Jahrzehnten wurde zudem ein besseres Verständnis dafür entwickelt, dass 100 Jahre alte Wunden im tiefsten Bewusstsein der Völker fortbestehen können, wenn sie nicht ans Licht gebracht und behandelt werden.

 

Unterschiedliche Erinnerungen bei Siegern und Besiegten

 

Bei dieser neuen Geschichtsbetrachtung des Ersten Weltkriegs findet natürlich auch die Tatsache Berücksichtigung, dass sich die Erinnerung an den Konflikt bei Siegern und Besiegten unterschiedlich entwickelt hat. In Osteuropa betrachtet der ungarische Staat den Vertrag von Trianon vom 4. Juni 1920, durch den das Königreich zwei Drittel seines Territoriums (Kroatien, Ruthenien, Siebenbürgen und einige Gebiete Sloweniens und Österreichs) verlor, als eine nationale Katastrophe. Umgekehrt feiert der polnische Staat jedes Jahr den 11. November 1918 als den Jahrestag der Wiederherstellung seiner Souveränität, nachdem Polen zwischen 1795 und 1918 von den Großmächten von der Landkarte gestrichen worden war.

 

Das Leiden Russlands im Ersten Weltkrieg

 

Der russische Staat wiederum neigt aus drei Gründen dazu, den Ersten Weltkrieg auszublenden. Erstens, weil Lenin und Trotzki entgegen den Vereinbarungen des Zarenreichs am 3. März 1918 den Vertrag von Brest-Litowsk mit dem Deutschen Reich unterzeichneten, womit der Krieg im Osten beendet und ein Austausch von mehr als drei Millionen Gefangenen auf beiden Seiten möglich wurde. Zweitens, weil die bolschewistische Regierung ihre eigenen Zusagen brach und nach dem 17. November 1918 Weißrussland und die Ukraine zurückeroberte. Und drittens wurde dieser Konflikt der russischen Bevölkerung aus dem Blickwinkel der marxistischen Geschichtsinterpretation als Ergebnis einer „bürgerlich-kapitalistischen Kultur“ vermittelt, ohne jedoch die legitimen Fragen der russischen Bürger über das Versagen sowohl der zaristischen Generäle (besonders 1915) als auch der bolschewistischen Generäle (insbesondere gegenüber dem polnischen General Pilsudski) zu beantworten.

 

Insgesamt fielen während des Ersten Weltkriegs mehr als 1,81 Millionen russische Soldaten (gegenüber 1,39 Millionen französischen Soldaten). Rechnet man die zivilen Opfer (1,5 Millionen) und die Verwundeten (4,95 Millionen) hinzu, so ist Russland eines der Länder, das am stärksten unter dem Ersten Weltkrieg gelitten hat.

 

Die tragische Geschichte der Ukraine

 

Es gibt noch einen weiteren Grund für das Unbehagen der zeitgenössischen offiziellen Kreml-Geschichtsschreibung mit Blick auf den Ersten Weltkrieg. Entgegen der russischen Propaganda, laut der die Ukraine kein autonomer Staat und „schon immer Teil des Russischen Reichs“ war, offenbaren die Ereignisse von 1917 bis1922 den Willen des ukrainischen Volkes, sich aus dem Moskauer Griff zu lösen. So wurde am 17. März 1917 in Kiew unter dem Vorsitz des Historikers Mychajlo Hruschewskyj ein ukrainischer Zentralrat eingerichtet. Kurze Zeit später, am 22. Januar 1918 rief dieser Rat (Rada) die vollständige Loslösung der Ukraine von Russland aus. Noch am gleichen Tag wählte die ukrainische Volksrepublik eine Flagge in Blau und Gelb, den Farben der ukrainischen Nationalbewegung nach der Revolution von 1848 in Galizien, sowie ein Staatswappen mit dem Dreizack der Kiewer Großfürsten.

 

Die Ukraine wurde in der Folge von der bolschewistischen Regierung erobert und 1922 in die UdSSR zwangseingegliedert (1945 auch Galizien). Seit diesem Zeitpunkt ist die gesamte Geschichte der Ukraine darauf ausgerichtet, zum Frühjahr 1917 zurückzukehren, sich von der russischen Herrschaft zu befreien und sich als europäischer Nationalstaat zu konstituieren. Der derzeitige Konflikt zwischen Russland und der Ukraine auf der Krim, im Donbass und am Asowschen Meer kann als eine späte Folge dieser tragischen Ereignisse von 1918 angesehen werden.

 

Während also in einigen osteuropäischen Länder der 11. November 1918 als Ende des Ersten Weltkriegs und als Tag der nationalen Wiederauferstehung (Polen) gefeiert wird, bedeutet dieses Datum für andere das Ende des Reichs (Ungarn) bzw. des Traums vom Nationalstaat (Ukraine).

 

Antoine Arjakovsky

Forschungsleiter am Collège des Bernardins

 

Histoire de la conscience européenne (Geschichte des europäischen Bewusstseins), herausgegeben von Antoine Arjakovsky, Paris, Salvator, 2016.

 

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

 

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