Mittwoch 14. November 2018
#218 - September 2018

Der Traum vom europäischen Campus

Der Aufbau Europas durch Bildung gehört zu den wichtigsten Vorschlägen, die der französische Staatspräsident Emmanuel Macron in einer der bedeutendsten Europa-Reden gemacht hat, die in den letzten Jahren von einem EU-Regierungschef zu hören war.

In seiner Grundsatzrede in der Pariser Universität Sorbonne legte Macron seine Vision dar, wie er die Unterstützung verärgerter Bürger zurückgewinnen und die festgefahrene EU aus der Krise und zu mehr Integration führen will. Besonders vielversprechend für ein vereintes Europa war sein Anstoß zur Schaffung eines Netzes europäischer Universitäten.

 

Der Vorschlag war weder trivial noch zufällig. Mitten in einer der tiefsten Krisen, die die EU bisher durchlebt hat, verwies Macron auf eine Säule des gesellschaftlichen Wandels: die Bildung. Er schlug vor, in ganz Europa ein Netzwerk von Universitäten zu schaffen, die ihre Studierenden ermutigen, im Ausland zu studieren und Kurse in mindestens zwei Sprachen zu besuchen. Ziel ist es, bis 2024 20 „europäische Universitäten“ zu schaffen, an denen europäische Diplome erworben werden können.

 

Erste Schritte hin zu den europäischen Universitäten

 

Es wurde bereits damit begonnen, Macrons ehrgeizigen Vorschlag umzusetzen. Die „European University Alliance 4EU“ zwischen der Sorbonne, Heidelberg, Warschau und der Karls-Universität Prag ist das erste von mehreren geplanten grenzüberschreitenden Abkommen zur Förderung der Zusammenarbeit in den Bereichen Forschung, Infrastruktur, Mobilität der Studierenden und akademische Lehrpläne. Auch der Europäische Rat begrüßte Macrons Initiative in seinen Schlussfolgerungen vom Dezember 2017 und bezeichnete sie als entscheidenden Vorstoß, der es kreativen Europäerinnen und Europäern ermöglicht, in verschiedenen Sprachen, über Grenzen und Disziplinen hinweg zusammenzuarbeiten und sodie europäischen gesellschaftlichen Herausforderungen anzugehen. Im Bemühen, das Gesamtkonzept dieser Initiative festzulegen, konsultiert die Europäische Kommission derzeit Interessengruppen auf allen Ebenen: von den Menschen, die sich vor Ort engagieren, bis hin zu den Ministerien der Mitgliedstaaten.

 

Darüber hinaus unterzeichneten im April 2018 sechs europäische Universitäten in Bologna ein Abkommen: die KU Leuven (Belgien), die Freie Universität Berlin (Deutschland), die Universität von Bologna (Italien), die Jagiellonen-Universität in Krakau (Polen), die Universität Complutense Madrid (Spanien) und die Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne (Frankreich). Ihr Zusammenschluss zielt darauf ab, eine strukturelle Entwicklung des Europäischen Hochschulraums und des Europäischen Forschungsraums zu fördern und könnte letztendlich zu einer echten europäischen Universität führen.

 

Eine Fortsetzung früherer ähnlicher Projekte

 

Doch Macrons Projekt ist nicht völlig neu. Bereits im Mittelalter gab es ein europäisches Netzwerk katholischer Universitäten, das den akademischen Austausch auf regionaler Ebene förderte. Vor vergleichsweise kurzer Zeit, im Jahre 1988, unterzeichneten 388 Rektoren aus ganz Europa die Magna Charta Universitatum, in der die Notwendigkeit der Weiterentwicklung des von den europäischen Universitäten im letzten Jahrtausend ins Leben gerufenen, einzigartigen Zusammenwirkens von Studium, Lehre und Forschung betont wird.

 

Auch in der Bologna-Erklärung von 1999 wurde bereits ein Europäischer Hochschulraum vorgeschlagen, der die Freizügigkeit von Studierenden und Hochschulabsolventen garantiert und im Rahmen dessen in einem Land erworbene Vorqualifikationen als Zugangsvoraussetzungen für ein weiteres Studium in einem anderen Land anerkannt werden. Warum also macht Macron zu diesem konkreten Zeitpunkt einen erneuten Bildungsvorstoß? Die Antwort könnte in der wieder erstarkten Rolle der Universitäten als Hüter der europäischen Werte, als Förderer der Talente von morgen und damit als einer der wichtigsten Akteure bei der Bewältigung der existenziellen Krise der EU liegen.

 

Die Schaffung dieses Netzwerks europäischer Universitäten bringt das europäische Projekt einen Schritt weiter und zielt auf einen „gemeinsamen europäischen Campus“, der letztendlich dazu beitragen könnte, Brücken zu bauen und gegen nationalistische Tendenzen vorzugehen. Insofern kann Macrons Initiative als eine Art Soft Power-Ansatz verstanden werden, der auf einer gemeinsamen Kultur, Bildung und geteilten Erfahrungen beruht und dabei den Aspekt der Mehrsprachigkeit stets in den Mittelpunkt stellt.

 

Hindernisse auf dem Weg zu einem europäischen Campus

 

Allerdings ist nicht alles Gold, was glänzt. Macrons Vorschlag wirft auch viele offene Fragen auf. Die wichtigste unter ihnen ist wohl, welchen Mehrwert seine Initiative im Vergleich zu anderen bestehenden Mechanismen wie Erasmus+ bringen würde. Ein weiteres Fragezeichen betrifft das Engagement der Mitgliedstaaten. Zwischen den EU-Ländern gibt es große Unterschiede, was zu erheblichen Herausforderungen bei der Umsetzung des Vorschlags und der Schaffung eines „europäischen Campus“ führen kann. Da es gemäß der Bologna-Erklärung jedem einzelnen Land überlassen bleibt, die genaue Formel seiner Hochschulbildung festzulegen (3 Jahre Bachelor + 1 Jahr Master in Großbritannien, 3+2 oder 4+1 in den meisten EU-Ländern), stellt sich die Frage, wie Macrons Idee das Problem der unterschiedlichen Strukturen der EU-Hochschulsysteme lösen kann.

 

Ein weiteres nicht zu vernachlässigendes Problem ist die Machbarkeit: Sind die Mitgliedstaaten bereit, die bürokratischen Verfahren rund um die Mobilität abzubauen und damit eine größere Komplementarität der nationalen Regelungen zu gewährleisten? Schließlich könnte sich auch der Brexit als Problem erweisen, da eine ursprünglich vielversprechende Initiative ohne Mitwirken britischer Hochschulen wie der Universität von Oxford letztendlich zum Scheitern verurteilt sein könnte.

 

Macrons Vorschlag weckt somit Hoffnungen, wirft aber auch ungelöste Fragen auf. Auch wenn das Projekt vielversprechend erscheint, gibt es immer noch wichtige Fragen zu klären, wenn es einer solchen Initiative wirklich gelingen soll, den Austausch zwischen Studierenden und Wissenschaftlern auf dem ganzen Kontinent nachhaltig zu fördern. Die Zeit und die Bereitschaft der Beteiligten werden zeigen, ob dieser Vorschlag von Erfolg gekrönt sein wird oder ob er sich lediglich in die lange Liste der ursprünglich gut gemeinten EU-Initiativen einreiht.

 

Javier Martín Merchán und María Verdugo Martín

JESC

 

Wir danken Dr. Miro Haček und Dr. Simona Kukovič (arbeitet im Rahmen des JESC European Leadership Programme) für ihre hilfreichen Kommentare zu einer früheren Version.

 

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

Teilen |
europeinfos

Monatliche Newsletter, 11 Ausgaben im Jahr
erscheint in Deutsch, Englisch und Französisch
COMECE, 19 square de Meeûs, B-1050 Brüssel
Tel: +32/2/235 05 10, Fax: +32/2/230 33 34
e-mail: europeinfos@comece.eu

Herausgeber: Fr Olivier Poquillon OP
Chefredakteure: Johanna Touzel und Martin Maier SJ

Hinweis: Die in europeinfos veröffentlichten Artikel geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht unbedingt die Meinung der COMECE und des Jesuit European Office dar.
Darstellung:
http://www.europe-infos.eu/