Mittwoch 14. November 2018
#220 - November 2018

Der Brief von Fiquelmont : Eine Botschaft des Friedens und der Hoffnung

1981 macht Fernand Boulanger auf dem Dachboden seines Bauernhofs im lothringischen Fiquelmont eine außergewöhnliche Entdeckung: ein Schnapsfläschchen, in dem sich eine von sechs deutschen Soldaten 1916 hinterlassene Botschaft an zukünftige Generationen befindet.

In Scy-Chazelles, einer der Kulturstätten des französischen Departements Moselle, befinden sich das Robert-Schuman-Haus, das Robert-Schuman-Museum und die Kirche mit der Grabstätte Schumans. Im dazugehörigen Robert-Schuman-Europazentrum, das von Richard Stock geleitet wird, werden zahlreiche Bildungsaktivitäten angeboten. Unter anderem gibt es spezielle Programme für Jugendgruppen, im deren Rahmen mehrere Videofilme gezeigt werden. Eines dieser Videos enthält die Botschaft, die Fernand Boulanger 1981 auf dem Dachboden seines renovierungsbedürftigen Bauernhofs fand, niedergeschrieben auf einem Blatt Papier, das sich aufgerollt in einer kleinen geschlossenen Flasche befand. Der Text, unterzeichnet von sechs deutschen Soldaten, ist eine Botschaft des Friedens und der Brüderlichkeit. Er datiert vom 17. Juli 1916, dem Vortag der Abreise ihrer Einheit nach Verdun. Eine Art „Flaschenpost“.

 

In dieser Zeit des Gedenkens an das Ende des Ersten Weltkrieges wollen wir uns dieser Botschaft der Hoffnung, die in Scy-Chazelles aufbewahrt wird, öffnen. Warum sollten wir sie nicht in unmittelbaren Zusammenhang mit der Schuman-Erklärung vom 9. Mai 1950 stellen, die von Jean Monnet inspiriert war und die für meine Generation die historische Antwort auf die andere Nachkriegszeit war?

 

Paul Collowald

Ehrenpräsident des Robert-Schuman-Vereins

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

“Paul Collowald, pionnier d’une Europe à unir” Editions Peter Lang 2018

 

 

17. Juli 1916

 

Zum Gedächtnis!

 

Vom 27. Januar 1915 bis zum 16. Juli 1916 waren als Angehörige des 2. Husaren-Reserveregiments No 2 auf Fiquelmont und zwar in der Bodenkammer des Herrn Boulanger untergebracht.

Gefr. Franz Gefr. Wahl

Gefr. Peschel Gefr. Giessen

Husar Grünewald Hus. Krahner

 

Von Fiquelmont aus marschierten wir in den Monaten Juli 1915 – August 1915 in die Schützengräben vor Hennemont am Renneselle-Bach. Später bearbeiteten wir die Äcker und Wiesen der Umgebung. Abgesehen von dem militärischen Druck, der uns alle schwer belastet, fühlten wir uns hier sehr wohl. Und in der Erinnerung wird der furchtbare Krieg mit der ferme unlösbar verknüpft sein.

 

Von den kleinen Fenstern sahen wir Tag für Tag die Qualen der Schlachten; sahen die Granaten in blutrotem Blitz drüben auf den Höhen bersten und beobachteten nachts mit dem vergeblichen Ringen um Verständnis des letzten Sinnes und mit müdem Grauen den Reigen der Leuchtkugeln, die langen weißen Arme der Scheinwerfer, die gespenstig den Himmel durchfurchen. Und wir hofften auf Frieden im kleinen Sinne von Tag zu Tag. Und der Friede kam nicht! Wann wird er kommen?

 

Heute, den 17. Juli 1916, reisen wir ab. Wohin unbekannt. Vielleicht braucht das Untier Militarismus neue Nahrung. Wir müssen uns fügen. Die Stunde ist noch nicht gekommen. Die Gegend, die wir wie unsere ferne Heimat nennen, müssen wir verlassen.

 

Ein rau gefährliches Handwerk ist der Krieg, und die Leiden, die die Bevölkerung des Occupationsgebiets ertragen mußte, sind groß, sehr groß, denn sie sind aus bitterem Haß geboren und von den Oberen, den Machthabern veranlaßt.

 

Wir Soldaten haben mit diesen Ansichten nichts gemein. Wir verabscheuen den Krieg und wünschen den Frieden. Was als Preis des wahnsinnigen Ringens unsern Enkeln Vermächtnis werden soll und in den Herzen dieser Welt geistert

für und wider

als Ahnung diesem,

als Wirklichkeit dem andern

als Glück und Unglück.

 

Utopie und mögliches Eden ist ein geeintes Europa

Freundschaft zwischen den Völkern

und Verwirklichung des Wortes,

daß wir Brüder sind.

 

Ein Gruß dem unbekannten Finder.

 

Karl Wahl, aus Leobschütz in Oberschlesien

Heinrich Peschel aus Elsterwerda, Prov. Sachsen

Willy Giessen aus Crefeld

Gefr. Franz aus Altenroda, Bad Bibra

Hus. Krahner aus Hamburg

Hus. Grünewald aus Münster in Westf.

 

 

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