Dienstag 16. Oktober 2018
#219 - Oktober 2018

Das gemeinsame Gedächtnis: Gedanken zur politischen Identität Europas

Die Vergangenheit Europas ist mit einer Hypothek gegenseitiger Gewalt belastet, die noch nicht ausreichend aufgearbeitet wurde. Ein Teil der Vergangenheit „vergeht nicht“, so der französische Philosoph Jean-Marc Ferry.

Das europäische Erbe kann unterschiedlich ausgelegt werden, je nachdem, ob man die dunklen Kapitel ausblendet oder ob man sich im Gegenteil bewusst mit den von Gewalt, Demütigung und Ungerechtigkeit geprägten Schattenseiten der historischen Vergangenheit und Tradition auseinandersetzt, die angesichts der daraus entstandenen Ressentiments eine echte Bürde für die heutigen Beziehungen sein können.. Sich diese Hypothek einzugestehen, bedeutet, Verantwortung für die Vergangenheit zu übernehmen, und ist damit wesentlicher Bestandteil einer rekonstruktiven Identität.

 

Eingeständnis vergangener Fehler: eine konstruktive Geste

Das Thema ist nicht unumstritten. Die einen halten es für kontraproduktiv, eine schmerzhafte und für das nationale Gedächtnis unrühmliche Vergangenheit zu thematisieren und sehen darin eine masochistische Geste morbider Freude, ein mehrdeutiges mea culpa oder einen Mangel an Virilität. Damit aber psychologisieren wir den Akt des Eingestehens vergangener Fehler, anstatt ernsthaft darüber nachzudenken, ob die Europäische Union ohne solche rekonstruktiven Gesten in ihrer gegenwärtigen Form überhaupt hätte errichtet werden können; ob Frankreich dauerhaft um solche Gesten herumkommt, indem es eine Ausnahme für sich selbst beansprucht; und ob Europa ohne eine gegenseitige Öffnung für die historischen Erinnerungen auskommt, zumal eine solche Öffnung allein durch solche Gesten bewirkt werden kann.

 

Stattdessen wird gerne angeführt, die kritische Haltung gegenüber der eigenen Geschichte schwäche die nationale Identität, die in einem Europa, das seine Geschichte vernachlässigt, ohnehin nie stark ausgeprägt gewesen sei. Dieser Argumentation möchte ich entgegenhalten, dass eine Identität umso stärker ist, je mehr sie in der Lage ist, sich in einem schmerzhaften Prozess mit sich selbst auseinanderzusetzen. Verantwortung für die Vergangenheit zu übernehmen und die gegenseitige Anerkennung an die Voraussetzung zu knüpfen, dass wir auch die einander zugefügte Gewalt eingestehen, heißt, einen rekonstruktiven Prozess der Versöhnung einzuleiten, der sowohl moralischen als auch politischen Wert, insbesondere in Bezug auf die EU-Erweiterung hat.

 

Faktisch ist eine solche Anerkennung Ausgangspunkt für ein gemeinsames historisches Gedächtnis, die ethische Grundlage einer postnationalistischen politischen Verfassung. Seit einigen Jahrzehnten erleben wir, dass sich Staaten und auch Völker gegenseitig in offiziellen Reuebekundungen überschlagen. Dies ist ein neues Phänomen in der Weltgeschichte. Das öffentliche Eingeständnis vergangener politischer Fehler wird damit zu einer ethischen Geste, die die Möglichkeit in sich birgt, den rekonstruktiven Prozess einzuleiten bzw. freizusetzen. Das selbstreflexive Verhältnis der Europäer zu ihrer eigenen Geschichte und Identität ist eine Grundvoraussetzung für den Prozess der demokratischen Integration über die eigenen Staatsgrenzen hinaus und somit für die Ausweitung der staatsbürgerlichen Solidarität auf eine gesamteuropäische Ebene. Die Erweiterung ist mittlerweile untrennbar mit einem historisch-kritischen Bewusstsein verknüpft, in dessen RahmenEreignisse thematisiert werden können, die bislang den Prozess der gegenseitigen Anerkennung der Völker behinderten und Misstrauen schürten.

 

Ein neuer Bezug zur Erinnerung

 

Für die Europäische Union ist ein solcher rekonstruktiver Ansatz weder in den Beziehungen zwischen den Mitgliedern noch mit dem Rest der Welt bloßer Zierrat. Vielmehr ist er ein Gradmesser dafür, wie glaubwürdig die gemeinsame Anerkennung der politischen Grundsätze, die die Nationen zusammenführen sollen, tatsächlich ist. So sagt uns unsere innere Stimme beispielsweise, dass sich die Türkei nicht auf die Werte des demokratischen Rechtsstaats berufen kann, ohne sich gleichzeitig offiziell zum Massaker an den Armeniern zu bekennen.

 

Die selbstkritische Beziehung zur eigenen Vergangenheit, die durch die „Politik des Erinnerns“ entsteht, verdient von daher auch nicht die heftige Ablehnung, die sie in Frankreich quer durch alle politischen Lager erfährt. Hinter einem angeblich aufrichtigen Selbstwertgefühl verbirgt sich ein Chauvinismus, der sich der Tatsache verschließt, dass Europa durch seine Nationen eine reflexive Beziehung zur eigenen Geschichte aufbaut; auf deren Grundlage können sich die nationalen Erinnerungen füreinander öffnen und zum Auslöser eines rekonstruktiven Prozesses werden, der seine Glaubwürdigkeit aus dem öffentlichen Eingeständnis vergangener Gewalttaten schöpft, aus denen sich Ressentiments entwickelt haben, die den Aufbau einer gemeinsamen Zukunft erschweren. Dieser neue Bezug zur Erinnerung ist das Mittel schlechthin, um die internationalen Beziehungen von ihrer historischen Last zu befreien. Damit würde Europa ein neues Kapitel in seiner Geschichte aufschlagen, in der die Beziehungen zwischen den Nationen, die bislang von einem Kampf auf Leben und Tod geprägt waren, auf Versöhnung ausgerichtet sind.

 

 

Prof. Jean-Marc Ferry

Lehrstuhl für europäische Philosophie - Alliance Europa

 

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

 

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