Dienstag 11. Dezember 2018
#220 - November 2018

Albanien: Warum wir zu Europa gehören wollen

Der Rat der Europäischen Union hat beschlossen, im Juni 2019 Beitrittsverhandlungen mit Albanien aufzunehmen. Msgr. Gjergj Meta, Bischof von Rrëshen, erklärt, warum die Albaner Mitglied der EU werden wollen, während die Briten gerade dabei sind, sie zu verlassen.

Für uns Albaner ist die Mitgliedschaft in der Europäischen Union nicht nur eine technische oder bürokratische Angelegenheit. Es ist mehr als das: Es ist ein Streben, ein Verlangen nach dem, was jahrhundertelang unterdrückt wurde. Es ist der Wunsch, sich wieder einer Realität zugehörig zu fühlen, die nicht nur wirtschaftlicher, politischer oder rechtlicher Natur ist, sondern etwas Größeres in sich birgt. Es ist eine geradezu spirituelle Notwendigkeit, im weitesten Sinne des Wortes.

 

Das Ende des europäischen Traums

 

Natürlich hat sich in Europa das Ausgangsszenario – als die Gründerväter vom europäischen Kontinent als einem Raum der Versöhnung träumten – erheblich verändert. Sowohl das Ende des Kalten Krieges als auch die verschiedenen kulturellen und wirtschaftlichen Veränderungen der letzten dreißig Jahre haben dazu geführt, dass sich die Einstellung einiger Länder zum Traum eines vereinten Europas geändert hat.

 

Das Wiedererstarken von Nationalismus und Populismus in Europa und insbesondere der Brexit haben das Projekt eines vereinten Europas geschwächt. Diese Entwicklung ist die Folge der Wirtschaftskrise, des erstarkten islamischen Fundamentalismus und der Migrationswellen aus den Ländern des Südens nach Europa. Seit dem 11. September und den Terroranschlägen in mehreren europäischen Hauptstädten verlangen einige Teile der europäischen Gesellschaft, die Grenzen zu schließen und die EU-Erweiterung zu beschränken. Viele Menschen stehen heute dem europäischen Traum von Schuman, Adenauer und De Gasperi mit großer Skepsis gegenüber.

 

In diesem Klima des Zweifels haben die Menschen und die Regierung Albaniens den Weg zur vollständigen Integration in die Familie der europäischen Völker eingeschlagen.

 

Die Vorteile der EU-Mitgliedschaft

 

Wenn ich über die Situation in meinem Land nachdenke, würde ich sagen, dass Albanien sich als natürlicher Teil Europas, seiner Geschichte und Traditionen sieht und versteht. Die EU-Mitgliedschaft würde auch den wirtschaftlichen und kulturellen Austausch erleichtern und damit dem Streben und Wunsch nach Zugehörigkeit konkret Ausdruck verleihen.

Nahezu eine Million Albaner leben außerhalb der Grenzen des albanischen Staates und wenn man genau hinsieht, leben viele von ihnen in westlichen, meist europäischen Ländern. Dies liegt daran, dass die Grundvoraussetzungen in Europa so sind, dass wir dort den nötigen Freiraum und Möglichkeiten für ein besseres Leben finden. Ich möchte hinzufügen, dass im christlichen Europa (zumindest in seinen Wurzeln) viele Menschen, auch Nichtchristen, aus Albanien, einem Land mit muslimischer Mehrheit, die Möglichkeit sehen, frei zu leben und den eigenen Glauben, unabhängig von der Religionszugehörigkeit, frei auszuüben.

 

Ein Garant für die Zukunft

 

Die Aussicht Albaniens auf eine EU-Mitgliedschaft hat bereits den Weg für eine Verbesserung unseres Rechts-, Justiz-, Sozial- und Menschenrechtsschutzsystems geebnet. Die Situation würde sich weiter verbessern, wenn das Land Vollmitglied würde. Die Europäische Union würde die albanischen Politiker mahnen, sich vor totalitären Denkmustern in Acht zu nehmen, und Albaniens Platz in der langen Tradition der europäischen Zivilisation bestätigen, einer Kultur der Solidarität, die sich an den tiefsten Bedürfnissen der menschlichen Person orientiert.

 

Die Mitgliedschaft in der Europäischen Union würde die Unverletzlichkeit bestimmter unveräußerlicher Rechte garantieren, wie das Recht auf Eigentum (in Albanien ist die Frage der in Zeiten des Kommunismus beschlagnahmten Güter noch nicht gelöst) oder das Recht auf Bildung auch in den entlegensten Dörfern. Weitere Vorteile wären ein Steuersystem, das dem Staat ermöglichen würde, das Gemeinwohl stärker zu berücksichtigen (Betrugsbekämpfung) oder die Gleichstellung in der legitimen Vielfalt jeder Kultur, Tradition und Herkunft.

 

Es gäbe sicherlich zahlreiche Vorteile, auch wenn Europa selbst in einigen dieser Bereiche Mängel aufweist. Es gibt aber noch einen weiteren Aspekt zu berücksichtigen.

 

Ein Bollwerk gegen das Wiedererstarken des Nationalismus

 

Auf dem Balkan ist die Situation, auch wenn sie sich seit einiger Zeit verbessert haben mag, aufgrund nationalistischer und ethnischer Ansprüche aller Art nach wie vor schwierig. Die europäische Integration des Balkans ist meiner Ansicht nach ein hervorragendes Mittel, um den nationalistischen Forderungen Einhalt zu gebieten.

 

Anstatt auf dem Balkan von großen ethnisch und religiös „reinen“ Nationen zu träumen, könnte mit dem europäischen Projekt die Integration von Völkern verschiedener Religionen und Gruppen gelingen. Sowohl die europäischen Institutionen als auch die Beitrittskandidaten sollten sich deshalb in Zukunft verstärkt darum bemühen, Europa zum Vorreiter für ein friedliches Zusammenleben der verschiedenen Völker in der Welt zu machen. Es wäre eine Würdigung der Erfahrung und der langen Tradition Europas als gemeinsames Haus der verschiedenen Völker.

 

Albanien selbst ist ein bemerkenswertes Beispiel für ein friedliches Zusammenleben von Menschen und Gruppen unterschiedlicher religiöser Herkunft und könnte damit im Gegenzug selbst einen wesentlichen Beitrag zur Stärkung der europäischen Gesellschaft leisten.

 

Msgr. Gjergj Meta

Bischof von Rrëshen

Generalsekretär der albanischen Bischofskonferenz

 

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

 

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