Mittwoch 14. November 2018
#218 - September 2018

100 Jahre Unabhängigkeit der baltischen Staaten: der Preis der Freiheit

2018 feiern die drei baltischen Staaten (Estland, Lettland und Litauen) das hundertjährige Jubiläum der Wiedererlangung ihrer Unabhängigkeit. Der Erzbischof von Vilnius, Msgr. Gintaras Grušas, beschreibt die tiefere Bedeutung dieser Unabhängigkeit.

Die drei baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland feiern dieses Jahr den 100. Jahrestag ihrer Unabhängigkeitserklärung. Die Feierlichkeiten sind gleichzeitig eine Zeit des Nachdenkens über das Geschenk der Freiheit sowie über den Preis dieser Freiheit. Ein Geschenk, das uns dazu aufruft, uns für das Gemeinwohl und den Frieden einzusetzen. Die 50 Jahre sowjetischer Besatzung erfordern aber auch eine Reflexion über den Preis dieser Freiheit – das Leid, die Deportationen, die Verfolgungen und die Menschen, die ihr Leben geopfert haben und die wir nie vergessen dürfen.


Das letzte Jahrhundert hat zweifelsohne große Veränderungen mit sich gebracht, doch ist es hilfreich, sich die Entwicklung aus einer längeren historischen Perspektive anzuschauen. Die langjährige Beziehung zwischen der litauischen Nation und dem Heiligen Stuhl begann mit der Evangelisierung und der Königskrone, die der litauische Fürst Mindaugas im Jahre 1253 auf Veranlassung von Papst Innozenz IV. im Jahre 1253 erhielt.

 

2018 begehen wir auch den 300. Jahrestag der Krönung der Muttergottes von Trakai, der Patronin Litauens, die erst das zweite Marienbild war, das von einem Papst außerhalb Roms gekrönt wurde. In den Jahren der sowjetischen Besatzung erkannte der Heilige Stuhl die unabhängigen Staaten Litauen, Lettland und Estland weiterhin an, was für das litauische Volk selbst in seinen dunkelsten Stunden ein wichtiges Zeichen der Hoffnung war.

 

Im September jährt sich ferner der 25. Jahrestag des Besuches von Papst Johannes Paul II. in den baltischen Staaten, ein wichtiges Ereignis, das diesen drei Ländern zu Beginn ihrer neuen Etappe als unabhängige Republiken Mut machte. Papst Johannes Paul II. sprach damals über die Herausforderungen für die Menschen, Versöhnung zu leben und eine zerrüttete Gesellschaft wiederaufzubauen, gerade angesichts der Bestrebungen, die langjährige Tradition des friedlichen Miteinanders in religiöser und ethnischer Vielfalt zu untergraben und Konflikte zu schüren, um die eigenen politischen Interessen durchzusetzen.

 

Wie es die göttliche Vorsehung will, erwarten wir im September den Besuch von Papst Franziskus. Mit diesem Besuch bekräftigt der Heilige Stuhl seine unverbrüchliche Unterstützung für die Selbstbestimmung dieser kleinen Länder und schenkt den Menschen, die sich den heutigen Herausforderungen der Freiheit stellen, einmal mehr Hoffnung.

 

In diesen Jahren der Freiheit ist Litauen der EU beigetreten, es hat die EU-Ratspräsidentschaft innegehabt, ist Mitglied der NATO geworden und war im UN-Sicherheitsrat vertreten – stets im Bemühen, den hart erarbeiteten Frieden zu bewahren.

 

Während wir uns auf den Besuch des Heiligen Vaters vorbereiten, denken wir über die Herausforderungen der Freiheit nach. Heute geht es nicht mehr um die Freiheit von Unterdrückung, sondern um die Herausforderung, die gewonnene Freiheit bestmöglich für das Gemeinwohl zu nutzen. Litauen hat in den letzten 25 Jahren ein Viertel seiner Bevölkerung verloren – vor allem aufgrund der Wirtschaftsmigration. Manche sind dabei in die Fänge von Menschenhändlern geraten, andere haben sich in den gesellschaftlichen Problemen, der Kluft zwischen Arm und Reich, im Alkoholismus oder Selbstmord verloren. Für viele ist der Traum von einer freien Gesellschaft zerbrochen: durch die Probleme, die die Freiheit mit sich bringt, durch die Veränderungen der gesellschaftlichen Werte, die sich stark von der freien Gesellschaft unterscheiden, die die Menschen sich vorgestellt und für die sie gekämpft hatten..

 

Der Besuch des Heiligen Vaters bietet die Chance, über die Art der Gesellschaft nachzudenken, die wir aufbauen, über den wahren Sinn gesellschaftlicher Freiheit und die Richtung, die wir als Individuen und als Gesellschaft einschlagen sollten. So wie der heilige Petrus den Auftrag hatte, seine Brüder zu stärken, wird der Besuch von Papst Franziskus dazu führen, dass die Menschen erneut über das Geschenk der Freiheit nachdenken – basierend auf der in Jesus Christus verwurzelten Hoffnung, eine starke Gesellschaft aufzubauen, die den inneren Wert eines jeden Menschen, seine nationale Zugehörigkeit, Kultur und Religion respektiert. Diese Botschaft richtet sich nicht nur an die baltischen Staaten, sondern an alle Länder Europas.

 

+Gintaras Grušas

Erzbischof von Vilnius, Vorsitzender der Litauischen Bischofskonferenz

 

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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